Der Traum vom BuchDie Schriftstellerin Dolly Hüther wird heute 70 Jahre alt
Saarbrücken. Man kann sie nicht beschreiben. Dolly Hüther muss man erleben. Quicklebendig ist sie, wach, kritisch, offen für alles Neue - und für Menschen. Heute feiert sie auf der großen Terrasse ihres Wochenendhäuschens am Hirrbacher Weiher ihren 70. Geburtstag. Mit dabei sind die Menschen, die sie an diesem Festtag um sich haben möchte. Grund zum Feiern liefert nicht nur der runde Geburtstag. Denn Dolly Hüther hat sich im letzten Drittel ihres Lebens, seit der Ehemann pensioniert ist, das erlaubt nachzuholen, was der Vater einst verboten hatte: ein Studium. Diesen ihren sehnlichsten Wunsch hatte ihr Vater übergangen - er meinte "Mädchen heiraten doch sowieso." Auf 23 Semester Soziologie und neuerdings auch Vergleichende Literaturwissenschaften kann Dolly Hüther mittlerweile zurückblicken. Doch nicht nur aus dem, was sie in den Vorlesungen gehört und erfahren hat, schöpft sie für die eigene schriftstellerische Tätigkeit. Schon seit den 70er Jahren hat sie sich in der Friedensbewegung und der Frauenpolitik engagiert und selten ein Blatt vor den Mund genommen. Ihre Erinnerungen, gepaart mit einer guten Portion Fantasie, sind in ihre Kurzgeschichten und nicht zuletzt in ihr erstes eigenes Buch eingeflossen. In "Dolly ess dei Supp" mischt sie Reales mit Fiktivem, stellt in Geschichten und Glossen das, was sie selbst erlebt hat, in den Mittelpunkt. "Ich hatte ein ganz normales Leben", erzählt Dolly Hüther, "geboren, Schule, Heirat, Kinder" - und korrigiert sich dann sofort selbst: "Aber eigentlich habe ich doch viel Ungewöhnliches erlebt, wenn sich auch das für mich Wesentliche im letzten Drittel ereignet hat." Kriegserfahrungen prägen die Kindheit. Schon 1939 erfolgte die erste Evakuierung nach Meisenheim, später flieht die Familie nach Bayern. Schulwechsel waren darum an der Tagesordnung, und das Abitur ein nie erreichtes Ziel. Während die Brüder studieren dürfen, wird Dolly Hüther Zahnarzthelferin, verkauft später die Produkte eine Waschmittelfirma. Dass sie damals in Rhetorik geschult wurde, kam ihr in ihrer politischen Arbeit oft zugute. Wie damals üblich, gibt Dolly Hüther ihren Beruf auf, als sich das erste Kind anmeldet. Erst in einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen, hat Dolly Hüther ihr "coming out". Die Schriftstellerei und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit gehen Hand in Hand. Ihre Texte spiegeln die vielen Facetten der Dolly Hüther wider: Souverän mischt sie Kurzgeschichten, Anekdoten, Erzählungen und Glossen, ruft Betroffenheit hervor und amüsiert gleichzeitig. Zwar sind das Schreiben und auch das Lesen Dolly Hüthers große Leidenschaft, doch sie verkriecht sich keineswegs ins stille Kämmerlein. Sie trifft sich mit Schriftstellerinnen aus ganz Deutschland und nimmt rege am politischen Leben teil. Nur eines wird sie nicht mehr tun: Noch ein Buch schreiben. "Ich hatte einen Traum - ein eigenes Buch. Den habe ich mir erfüllt." Im Übrigen ist "Dolly ess dei Supp" so erfolgreich, dass sie mit den Lesungen schon ziemlich ausgebucht ist. Kerstin joost-schäfer Quelle: Saarbrücker Zeitung vom 24. Mai 2002 |