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DER fadenreiche KOKON

 Eine fiktive Erzählung

 Dolly Hüther 2010

 

DER fadenreiche KOKON

Eine fiktive Erzählung

(ca. 300.000 Zeichen, 275 Seiten)

Eine späte Liebe steht im Zentrum des Geschehens – zwischen Marianne, Mitte 70, und dem knapp ein Jahrzehnt jüngeren Holger. Während dieser sich eher distinguiert und konservativ gibt, sprüht Marianne vollmundig progressiv – den Dialog provozierend. In der Zeit der Annäherung beider lebt sie noch in einer seit über fünfzig Jahren andauernden Ehe, der Mann ist seit längerer Zeit Alkoholiker.

Die Leidenschaft, die Marianne und Holger erfasst, will Liebe sein oder werden – Marianne empfindet sie als ein großes Geschenk des Lebens –, doch scheint sie oft nicht das Zeug dafür zu haben. Die Vitalität einer im Alter wiedererwachten Sexualität Lust lässt die Beteiligten erfinderisch sein, den Mann hinsichtlich gemeinsamer Unternehmungen, die begeisterte Frau in ihren Bemühungen, nackte Furcht zu überwinden, Fremdheit und Befremdung in Nähe zu verwandeln. Unausgesprochenes schreibt sie unzensiert in Tagebuch- oder Briefform nieder, webt derart einen „Kokon“, dem sie auch Gedichte anvertraut sowie frühere notierte Erlebnisse/Reflexionen, mittels derer sie sich zurück- und vorausspinnt: in die Schulzeit, auf Reisen, den Ehemann mordend; sie lässt an ihrer Stelle auch schon mal Gegenstände sprechen, wie einen Spiegel oder einen Stringtanga ...

 

Mariannes Schreiben ventiliert Ereignisse wie Befindlichkeiten, dient aber der Suche nach Verknüpfung und Verbindung hier und jetzt, ist niemals Selbstzweck, wie die spannungsreichen Dialoge zeigen. Auch nicht, als dieses Liebeserleben, auf Tod und Leben anspielend wie jede Liebe, achterbahnähnliche Züge annimmt und am Ende unspektakulär verloren geht. Und Marianne nicht daran zerbricht, eher gesundet, ihren Humor behält, bereichert um eine menschlich-weibliche Erfahrung. 

 

INHALTSVERZEICHNIS: 
 

Seite

 

1. Ein Traum wird Wirklichkeit

2

 

2. Die Luxemburger

11

 

3. Code Oscar

12

 

4. Endgültig

14

 

5. Die Ente 20

20

 

6. Die Aufarbeitung: Annehmen - Loslassen 21

21

 

7. Die Begegnung 33

33

 

8. Die Straße der Witwen 38

38

Textprobe

9. Erlebnisse mit Holger 43

43

 

10. Harmonie 45

45

 

11. Die Mondlandschaft 57

57

Textprobe

12. Der alte Reiher (Gedicht) 61

61

 

13. Trompetenblumen 65

65

 

14. Deine Stimme (Gedicht) 80

80

 

15. Die Stimmen (Gedicht) 81

81

 

16. Planungen und Unternehmungen 83

83

 

17. Lady in red (Gedicht) 91

91

 

18. Überraschungen 92

92

 

19. Im Alltag angekommen 94

94

 

20. Advent, Advent 95

95

 

21. Sylvester 98

98

 

22. Bizarre weiße Weite (Gedicht) 99

99

 

23. Unstimmigkeiten 100

100

 

24. Reise in die Türkei 103

103

 

25. Ein Haus für Türken 117

117

 

26. Feminismus - Feministin 126

126

 

27. Feministische Kritik und Politik 133

133

 

28. Wahlverwandtschaften 136

136

 

29. Johanna Kirchner zum Gedenken 137

137

 

30. Kuriose Begebenheiten 143

143

 

31. Die Computertomographie 144

144

 

32. Die Schürze 150

150

 

33. Nix zum Lachen - Gerüche und Gestänker 151

151

 

34. Diese Frauen 155

155

 

35. Das Geburtstagsdrama 157

157

 

36. Wüster Körper, wüste Seele 171

171

 

37. Die Kaiserbäder 178

178

 

38. Verletzungen 181

181

 

39. Der Stringtanga 185

185

 

40. Trinken und kein Ende in Sicht 189

189

 

41. Tagebuch. Dresdenreise 191

191

 

42. Hiebe und Triebe 194

194

 

43. Scheidung 197

197

 

44. Alltagswirbel 200

200

 

45. Sie Schauspielerin 203

203

 

46. Das kranke Herz 204

204

 

47. Der Abschied 209

209

 

48. Versöhnung 216

216

 

49. Ein Gesicht erzählt Geschichten 217

217

 

50. Diamantene Konfirmation220

220

 

51. Ihr Herz 222

222

 

52. Schulungen und Operationen 226

226

 

53. Zuspitzung 232

226

 

54. Hilfe! 236

236

 

55. Der Oberlehrer 238

238

 

56. Der Besuch 246

246

 

57. Beobachtungen - Bedürfnisse - Gefühl - Bitte 249

289

 

58. Veränderungen 251

251

 

59. Ferien am Meer in Bosa Marina 253

253

 

60. Ein etwas anderer Reisebericht 253

253

 

61. Unser letzter Tag am Meer (Gedicht) 260

260

 

62. Endgültigkeit 274

274

 

63. Elisabeth Barett (Zitat) 275

275

 

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Textprobe: Die Straße der Witwen

 Sie wünschte sich damals, Holger bei sich empfangen zu können. Das ging ja nicht.

Sie war schließlich verheiratet und wollte auf keinen Fall ins Gerede kommen. Witwen, das wusste sie, leisteten sich manches, sie pfiffen auf soziales Ansehen und Pflichten, und das wurde toleriert. Sie selbst war keine Witwe. Und wenn sie sich aus naheliegenden Gründen so benähme, würde das die Menschen ihrer Wohnstraße garantiert empören.

Apropos Witwen, dachte sie. Heute dürften sie zahlreicher sein als früher. Es gibt Straßen, wo überwiegend Witwen wohnen. Ob sie selbst einmal zu ihnen gehören würde, irgendwann? Sie hatte doch schon mehrfach darüber geschrieben. Marianne zog eine der Geschichten hervor. Die Auswahl fiel ihr nicht schwer.

Die Straße der Witwen

 Sie entstand während der Fünfzigerjahre in einem neuen Wohngebiet. Damals bot die Kommune bauwilligen Paaren Gelegenheit, sich ein Eigenheim zu schaffen. Die meisten Leute konnten sich das Haus nur durch viel eingesetzte Eigenarbeit leisten. So wie die Häuser nun in die Jahre gekommen sind, sind es auch ihre Bewohner.

In diesem Viertel bestätigt sich, was heute die demographische Forschung über die Lebenserwartung von Frauen und Männern zu berichten weiß. Die Statistik besagt, dass Männer durchschnittlich bis zu acht Jahren früher als Frauen sterben. In der genannten Straße leben im Moment überdurchschnittlich viele Witwen. Von nur achtundvierzig Häusern befinden sich inzwischen zwölf in den Händen von Hausbesitzerinnen, die ohne männliche Partner leben. Fallen die eigentlich auf? Nur dadurch, dass ein kleiner, untersetzter Mann, Mitte sechzig, sie für die Beute seines Jagdgebiet hält. Er schleicht mehr oder weniger auffällig an den Häusern vorbei, auf dem Weg zur nah gelegenen Bushaltestelle oder zum Supermarkt, auch zum Arzt, worüber er jedes Mal bereitwillig Auskunft erteilt. Täglich wird er gesehen. Ab und zu bleibt er stehen. Mal vor diesem, mal vor jenem Haus einer Witwe. Er wird als mitteilungsbedürftig wahrgenommen. Der Ton seiner Erzählungen klingt jammernd, lamentierend. So erfahren die Leute in der Nachbarschaft tröpfchenweise seine Wünsche, sein Befinden, und, im Laufe der Jahre, wie es kommen muss, seinen ganzen Lebensbericht.

Seine Frau ist ihm abgehauen, mit einem anderen – wie er sich ausdrückt. Er hat sich scheiden lassen. Bei der nächsten Gelegenheit lässt er sich lang und breit über seine Kinder aus. Diese seien auch nur auf sein Haus, sein Geld oder sein Auto scharf. Immer dann, wenn ihn der Weltschmerz überfällt, muss er einer Person in der Straße sein Leid klagen. Wie krank er sich im Moment fühle. Und dann, er wünsche sich nichts sehnlicher als eine Frau im Haus.

Wie, Sie meinen, Männer tratschen nicht?

Sie reden nicht über sich selbst?

Bei diesem ist das völlig anders. Seine Gedanken kreisen um das Witwen-Eldorado. Eigentlich müsste er schon lange eine an Land gezogen haben, was doch sein größter Wunsch ist. Aber weit gefehlt!

Betrachten wir uns einmal seinen Jagdgrund, die Witwen, näher.

Da lebt eine Frau, die hat ihren schwerkranken Partner über sehr lange Zeit, bis zum bitteren Ende, den Tod, begleitet. Er hatte Krebs. Sie wird das alles nie vergessen können. Sie will keinen Mann mehr an ihrer Seite. Sie kann sich an keinen mehr gewöhnen, sagt sie. Niemand darf ihren geliebten Mann ersetzen oder gar verdrängen, lautet ihre fast beschwörende Aussage.

Eine andere Frau wurde durch den Tod ihres Partners völlig überrascht. Er starb an einem Herzinfarkt. Sie hat inzwischen mehrere neue Tätigkeiten und Hobbys, die sie begeistern, und findet dadurch ihre Zeit ausgefüllt und lebenswert. Bei allem will sie frei entscheiden können und nie mehr bevormundet werden.

Eine Witwe, die ihr Haus fast am Ende der Straße hat, musste ihren Mann verhältnismäßig früh beerdigen. Sie hält ihren Garten vorbildlich in Ordnung. Sie ist die Frau, die angesprochen werden kann, was Blumen, Pflanzen, Gewürze betrifft. Über alles, was mit der Natur zu tun hat, gibt sie bereitwillig Auskunft. Was wir schon ahnen können, all das will sie allein tun, ganz nach ihrem Rhythmus. Sie meint, da habe ihr niemand dreinzureden, sie sei die Expertin.

Wir merken, jede Frau hat ihre eigene Geschichte – als selbstbewusste Witwe.

Diejenige, die am anderen Ende der Straße wohnt, ist eine typische Oma. Sie entspricht also gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen. Was das bedeutet? Sie verhält sich konform, so, wie sich die meisten Menschen auch heute noch eine Frau wünschen, die plötzlich ohne ihren langjährigen Partner leben muss. Sie betreut die Enkelchen, und diese Arbeit füllt sie total aus.

Die Witwe, die um die Ecke wohnt, ist schon seit Jahren sehr krank und dachte deswegen, sie würde als Erste sterben. Sie war fest davon überzeugt, der Tod träfe sie vor ihrem Mann. Medizinisch betrachtet hätte er sie überleben müssen. So rechnete sie gar nicht damit, jemals allein in dem großen Haus zu leben. Nun kommt sie über den jähen Abschied ihres Partners, über seinen Verlust und den damit verbundenen Schmerz nicht hinweg. Sie schleicht nur noch als Schatten ihrer selbst durch die Welt.

Freuen hingegen können sich die noch lebenden Paare an einer auch äußerlich sehr attraktiven Witwe. Schon zu Lebzeiten ihres Mannes war sie immer sehr geschmackvoll gekleidet. Ins Auge sticht jedoch, dass sie sich seit dem Tod ihres Gatten eher auffällig anzieht. Die Blazer tragen alle leuchtenden Farben der Skala. Die Accessoires sind perfekt abgestimmt. Jede Woche geht sie zur Friseurin. Sie ist eine, die ihr Witwendasein in vollen Zügen richtig genießt. Sie spricht vieles aus, was andere vielleicht denken, doch nicht sagen wollen. Sie will auf keinen Fall mehr Kässocken waschen und erst recht nicht mehr getragene männliche Unterhosen. Kurz, das sollen die Träger bitte selbst erledigen. Und in ihrem Bett brauche sich keiner mehr breit zu machen. Und was das Geld betreffe, das könne sie schon selbst ausgeben.

Wenn wir die Straße der Witwen aus dieser Perspektive betrachten, dann hat unser freundlicher Bewerber keine große Auswahl. Die Witwen leben ihr eigenes Leben, sie arrangieren sich mit der veränderten Wirklichkeit.

Das gibt Anlass zu einigen Überlegungen und Fragen.

Sind die Frauen nach einer langen, aufopfernden Ehe nun

ehemüde? Offensichtlich genießen manche es jetzt, ihre Wünsche in den Mittelpunkt stellen zu können. Ist die Ehe überhaupt noch eine anzustrebende Institution? Oder sollten wir uns noch einige Geschichten erzählen, bevor wir den Abgesang der Ehe anstimmen?

Das Thema ist spannend genug. Noch spannender wäre es, die genauen Hintergründe jener Lebensentwürfe zu erfahren, die im Hafen der Ehe dahinsiechen.

Jedenfalls gibt es inzwischen in fast jedem Stadtviertel und Dorf derartige Straßen. Die Straße der Witwen. Und ihrer Bewerber.

 So liebenswert Marianne diese Beschreibung fand, die Lektüre bestätigte nur ihre Erinnerung an die damalige Scheu, Holger einzuladen und ihrer Nachbarschaft Gesprächsstoff zu bieten.

Sie grübelte. Welche Lösung hatte sie gefunden? Sie, deren Herz wie das einer Siebzehnjährigen klopfte, wenn sie an Holger dachte. Und sie hatte oft an ihn gedacht. Sie wusste sich verliebt. Und hatte sich nicht nur einmal gefragt, wie das weitergehen sollte. Die Spannung in Mariannes Gesicht verflüchtigte sich. Sie war verliebt gewesen, und was ist erfindungsreicher als die Liebe selbst? Sie findet und erfindet Wege, wo die Vernunft längst kapituliert. 

 

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Die Mondlandschaft

Dieses Gewässer, wie ich es liebe!

Ja, ich spreche von dir. Ich muß dir einmal erzählen, wieviel du mir bedeutest. Wie du hier vor mir liegst – ganz still, glatt wie ein Spiegel. Auf deiner Oberfläche sehe ich den gegenüberliegenden Wald wie ein Gemälde. Mein heißgeliebter Weiher >Etang de Hirbach<. Seit über vierzig Jahren begeistert mich die Vielzahl deiner Facetten, die du mir immer neu bietest. Schon wie du eingebettet liegst in der Landschaft, in der ich mich seit Jahrzehnten im Sommer erhole, umgeben von den Dörfern Lothringens. Doch ohne dich, mit deinen vielen Armen, die Wälder umschließen, könnte mir die ganze Gegend gestohlen bleiben. Du, der mein Verlangen nach Wasser stillt. Du erkennst mich doch wieder? Ich bin die begeisterte Schwimmerin, die dich jedes Jahr aufs neue genießt und das sogar mehrere Male am Tag. Es ist nicht nur die angenehme Abkühlung, allein sie wäre schon Grund genug, so begeistert zu sein. Nein, es ist auch das Gefühl, wie mein Körper von deinem Naß umspült wird, mir und meinen kranken Gliedern Linderung bringt. Du gestattest all die Übungen, die ich ihretwegen übermütig in dir ausführe. Und läßt mich die Entspannung erleben, wenn ich mit Freundinnen oder meiner Schwester fast deine gesamte Länge bis ans andere Ufer durchschwommen habe.

Als ich noch viel jünger war – erinnere dich – und du, aufgewühlt vom Wind, mir Wellen angeboten hast, konnte ich mich im Segelboot mit dir messen. Ich vermisse diese wilden Ritte auf den Schaumkronen. Inzwischen ein wenig älter und bescheidener geworden, ist es mir wichtig, dir zu sagen, wie traurig ich wäre, gäbe es dich nicht mehr. Den gesamten Platz mit Haus und Tennisfeld würde ich auf der Stelle verkaufen.

Im vergangenen Jahr wäre die Hitze bis zu 38 Grad ohne dich gar nicht auszuhalten gewesen – von allen nicht, die hier um dich herum weilen. Besonders deine dunkle Tiefe lädt dann dazu ein, kopfüber in sie hineinzustürzen. Noch in diesem Wagemut fühle ich mich mit dir verbunden. Weißt du eigentlich, daß es Personen gibt, denen etwas entgeht, wenn sie dir ein Schwimmbad vorziehen, nur weil das Wasser um vieles klarer wirkt. Sie nehmen Chlorgeruch in Kauf und wissen nichts von deinem biologischen Leben, von deinem aus natürlichen Quellen und Bächen genährten Wasser.

Heute stehe ich wieder einmal vor dir.

Ich leide, wenn ich dich in deinem jetzigen Zustand sehe.

Ausgetrocknet! Eine perfekte Mondlandschaft. Die Stege ragen aus dem braungrauen Schlamm wie dahin geklatschte, langgezogene Gespenster, ihre dünnen Beine aus Rohren wirken häßlich und die ehemals nützlichen Zugänge und Absperrungen sinnlos lächerlich.

Absurd!

Erst jetzt, wo du leer von Leben ein gähnendes Loch bist, stelle ich fest, was dir die Menschen im Laufe der letzten zehn bis fünfzehn Jahre angetan haben. Ich hoffe, es entlastet dich, wenn ich diesen angefüllten Eimer mit Wohlstandsmüll einer Tonne übergebe: Flaschen, zerbrochenes Glas, Angelschnüre, noch mit Haken versehen, halbe und ganze Muscheln, Plastik-teile, stinkende Lappen und vieles mehr. In der Mitte deines Bettes steckt noch ein halb eingesunkenes Boot, an anderen Stellen liegen vergammeln alte Autoreifen.

Die Menschen, die der Gemeinde vorstehen, hatten beschlossen, dein Wasser abzulassen. Uns haben sie erzählt, es sei von Zeit zu Zeit nötig, das Wasser zu erneuern. Ich weiß ja selbst, daß du im vergangenen Jahr „gekippt“ wärest, wenn es nicht geregnet hätte. Es gab Tage, an denen warst du grün, giftgrün, und voller Algen. Gegen Saisonende hieß es, wir sollten nicht mehr in dir schwimmen. Die Tantalusqualen waren kaum auszuhalten angesichts meiner Erinnerung an deine kühlen Fluten. Jetzt plagen mich Fragen:

Wirst du im nächsten Jahr wieder deine gesamte Fläche einnehmen?

Wird es genügend regnen, so daß du deine Fülle zurückerhältst?

Sie wollen auch die Kaimauer reparieren, das sei unbedingt erforderlich. Und dann, wenn du wieder in voller Wasserpracht erstrahlst, soll in dir eine neue Fischbrut heranwachsen. Ich bin gespannt!

Weiher, ich möchte mich bei dem Wüstenanblick, den du bietest, an den vergangenen Sommer erinnern. Was haben die Kinder einen Spaß gehabt. Wie haben sie dich mit ihren Sprüngen traktiert, obwohl ich denke, es war kein Traktieren, für sie war es Spaß pur. Du hast mitgespielt, indem du durch riesige Spritzer zeigtest, daß du dich mit ihnen freust. Da schwamm Mascha, die kleine, etwas pummelige Göre, das erste Mal in ihrem sechsjährigen Leben bis auf deine Gegenseite. Bezeichnend war, daß sie sich stets die Nase zuhielt, sobald sie zum Sprung ansetzte. Die beiden Janniks, der eine blond, der andere dunkelhaarig, wollten sich immer ins Wasser „bomben“, was auf Fotos festgehalten wurde. Das konnte zwanzig Mal passieren. Marie und Jannes, die Geschwister, die sich liebend gern in dir vergnügten, befürchteten schon, daß wir im nächsten Jahr mit lechzender Zunge vor deinem halbgefüllten Becken sitzen und ganz traurig sein würden. Ich vermisse außer diesen quirligen Kindern noch anderes Leben aus den Sommertagen. Ich sehe keines der mir lieb gewordenen Tiere. Wo sind die Schwäne mit ihren Jungen, die jetzt bestimmt schon ausgewachsen sind? Die Bleßhühner mit ihrem Gepiepe? Die Enten in ihrer Pracht sehe ich nirgendwo mehr. Oder den majestätischen Reiher in seiner Schönheit. Es gab die Haubentaucher, bald hier und bald da auftauchend, mit Fischen im Schnabel. In diesem Moment spüre ich, was noch alles fehlt, zum Beispiel die hochspringenden Fische – die mich beim Sonnen auf dem Steg aufschreckten –, oft riesige Prachtexemplare.

Wenn ich jetzt diese Mondlandschaft ansehe, empfinde ich, als seiest du gestorben.

Deshalb muß ich jetzt gehen.

Diesen Anblick kann ich nicht ertragen.

Er zieht mich ganz tief runter, er macht mich schwer.

Auf Wiedersehen, mein geliebter Weiher, bis zum nächsten Jahr und hoffentlich mit frischem Wasser voll gefüllt.

Dolly Hüther
12. Oktober 2004
 

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